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Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Warendorf"

Eintägige Sonderausstellung am 13. Dezember 2016 (Bahnhofsplatz Warendorf):

"Endstation Riga
13.  Dezember 1941 - heute vor 75 Jahren:
Deportation der Warendorfer Juden nach Riga"

Am 13. Dezember 1941 eskaliert die Gewalt- und Terrorherrschaft der Nationalsozialisten im Münsetrland. Mit diesem Tag vollzieht sich der Schritt von der Entrechtung und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung zu ihrer Verschleppung und Ermorderung. An jenem Samstag verlässt ein Personenzug mit ca. 400 Juden aus dem Münsterland den Hauptbahnhof in Münster. Unter den Deportierten befinden sich 13 Personen, die in Warendorf und Freckenhorst geboren waren bzw. hier lebten. Endstation des Zugs der Reichsbahn ist das lettische Riga.
Der Transport nimmt in Osanbrück und in Bielefeld weitere Juden aus der Region auf. Am 16. Dezember 1941 erreicht er das "Reichsjuden"-Ghetto im von den Deutschen besetzten Riga. Von den insgesamt 1.031 Verschleppten überleben nur 102 Personen die Deportation und die folgende Zwangsarbeit und Internierung im Ghetto und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Keiner der 13 Verschleppten aus Warendorf und Freckenhorst überlebt die Shoah.
Insgesamt werden in den Jahren 1941 und 1942 in 25 Zügen ca. 24.500 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Riga verschleppt, von denen nur ca. 1.100 Menschen überleben.

 

Stolpersteinverlegungen am 15.12.2016 in Warendorf und Hoetmar

Informationen zu den Schicksalswegen der Verfolgten und Ermordeten

Mit den Stolpersteinen für Max und Ida Jeremias wird in Warendorf erstmals an Opfer des Nationalsozialismus erinnert, die Mitglieder der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas waren. Max Jeremias (Jg. 1899) und Ida Jeremias (Jg. 1895) wurden vom Sondergericht Dortmund im Mai 1937 wegen ihres Glaubensbekenntnisses zu Gefängnishaft verurteilt. Für die Nationalsozialisten betrieben sie "verbotene Bibelforschertätigkeit" und entzogen sich der "Volksgemeinschaft".
Es schloss sich die sogenannte "Schutzhaft" in Konzentrationslagern an.
Max Jeremias wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen (bei Berlin) interniert, wo er am 29. Mai 1940 unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Ida Jeremias war u.a. im Konzentrationslager Lichtenburg in Prettin (bei Torgau) und im Konzentrationslager Ravensbrück (bei Berlin) interniert. Im Sommer 1943 kam sie in ein Ravensbrücker Außenkommando in München, zuletzt in das Außenkommando Steinhöring bei Ebersberg, wo sie als Zwangsarbeiterin in dem „Lebensborn“-Heim Hochland eingesetzt war. Anfang Mai 1945 wurde Ida Jeremias von den Amerikanern befreit.
Mitte 1938 entzog das Amtsgericht Warendorf den Eltern das Fürsorgerecht für ihre Tochter Ruth Jeremias(Jg. 1931); sie kam in Pflegeobhut bei Verwandten in Warendorf. Ruth Jeremias, die um ihre Kindheit gebracht worden ist, weil ihre Eltern verfolgt und interniert wurden, ist ebenfalls als ein Opfer des Nationalsozialismus anzusehen.

Berta Samuel (Jg. 1895) und ihre Tochter Juliane Samuel wurden als Jüdinnen verfolgt. Die alleinstehende Berta Samuel wurde im Dezember 1941 von Münster aus nach Riga in das "Reichsjuden"-Ghetto verschleppt und 1944 im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig ermordet. Mit der Verschleppung von sechs Warendorfer und vier Freckenhorster Bürgerinnen und Bürger am 13. Dezember 1941 ging die Diskriminierung und Vertreibung endgültig in die Deportation und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung über. Der damalige Warendorfer Bürgermeister bilanzierte ein Jahr später im antisemitischen Nazijargon in einem kurzen Aktenvermerk: "Warendorf ist frei von Juden, darum z.d.A. [zu den Akten]".

Juliane Samuel (Jg. 1923) wurde ein Opfer zweier nationalsozialistischer Vernichtungskomplexe – sie wurde verfolgt aus rassistischen Gründen als Jüdin und aus biologistischen Motiven als Behinderte. Als "lebensunwert" betrachtet, wurde sie am 27. September 1940 in der Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel ermordet. Mit dem Stolperstein für die gerade einmal 17 Jahre alt gewordene Juliane Samuel erinnert erstmals in Warendorf ein öffentliches Gedenkzeichen an ein Opfer der „Euthanasie“.

Erstmals wird im Stadtteil Hoetmar ein Stolperstein verlegt, nachdem in Freckenhorst schon seit 2011 und in Warendorf seit 2013 Stolpersteine verlegt werden. Der Stolperstein erinnert an Dechant August Wessing (Jg. 1880), seit 1932 Pfarrer in Hoetmar, der im Juli 1942 wegen "Feindbegünstigung" verhaftet und Anfang Oktober im Konzentrationslager Dachau im berüchtigten „Priesterblock“ interniert wurde. Zuletzt warfen ihm die Nationalsozialisten sein christlich-humanitäres Engagement für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiterinnen vor. Aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen verstarb er am 4. März 1945, wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers.

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Es gehört zumKonzept des dezentralen Kunst- und Erinnerungsprojektes der Stolpersteine von Gunter Demnig, dass gerade auch der unbekannten und vergessenen Opfer der nationalsozialistischen Gewalt- und Verbrechensherrschaft gedacht wird. So werden nicht nur die Personen namentlich geehrt, nach denen inzwischen schon Schulen und Straßen benannt worden sind, sondern auch Menschen, deren Schicksal bislang keinen Platz im kollektiven Gedächtnis der Stadt gefunden haben - wie die Familie Jeremias sowie Mutter und Tochter Samuel. Auch wird der Blick auf weitgehend verdrängte Opfergruppen geworfen, die bislang nicht im Fokus des öffentlichen Interesses – aus welchen Gründen auch immer – gestanden haben: die Zeugen Jehovas und die „Euthanasie“-Opfer.

[Die Stolpersteinverlegungen sind eine Veranstaltung der Stolperstein-Initiative Warendorf in Kooperation mit dem Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Warendorf" der Altstadtfreunde Warendorf e.V.;
Einzelheiten zum Ablauf  s. "Termine"]

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