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Der weite Weg bis zur Schule

Als nach dem Weltkrieg das normale Leben wieder anfing, hatten die Kinder natürlich auch wieder Unterricht. Das war allerdings nicht mit dem heutigen Schülerleben zu vergleichen (aus Ströker: Geschichte(n) aus Warendorf).

Die Abschlussklasse der Volksschule im Jahr 1953: In der hinteren Reihe sitzt als Dritter von links, leicht verdeckt, Autor Werner Ströker.

Es hatte tagelang geregnet und es regnete auch an diesem Morgen im Frühjahr 1946 als ich mich von der Holtrupstraße am Emstor auf dem Weg zur Schule mache. Die Schule war die Dammschule (jetzt: Overbergschule, am August Wessing Damm). Es regnete auch am Mittag als ich mich auf den für einen acht jährigen Jungen weiten Weg heimwärts machte. Das mit dem Regen und dem Weg war ja weiter nicht schlimm, aber als ich die Brücke über den alten Emsarm passieren wollte, ging das nicht, denn das reißende Wasser hatte an der Südseite der Brücke (also der Stadtseite) ein Stück Ufer abgebrochen und weggeschwemmt. Ich habe da zunächst rat- und entschlußlos vor der nicht mehr erreichbaren Brücke gestanden, bis mir Berlemeier einfiel, ja Berlemeier, das war die Rettung. Berlemeier waren Freunde meiner Eltern und Sohn Georg war auch in meiner Klasse. Also machte ich mich auf den Weg zur Schmiedestraße am Freckenhorster Tor. Wieder ein langer Weg, den ich aber kannte, zum Gegensatz der heutigen Kinder, die nur im Wagen der Eltern mitfahren.

Weite Wege zur Schule kannten viele Kinder, mein Freund Paul wohnte auf der „Langen Wieske“ irgendwo zwischen Warendorf und Sassenberg und musste den Weg zu Fuß gehen. Wohl dem, dem ein Fahrrad gehörte, aber derjenige, der ein Rad besaß hatte nicht unbedingt auch die Reifen dazu. Kaufen, kaufen konnte man so etwas nicht. Also gingen wir sommertags barfuß (das schonte die Sandalen) und wintertags mit Holzschuhen (das schonte die Sonntagsschuhe).

Die weitesten Weg hatten sicher die Kinder aus Dackmar denn im Gegensatz zu den anderen Bauernschaften um Warendorf gab es in Dackmar zu meiner Zeit keine Schule. Die Kinder mussten je nach Wegstrecke nach Warendorf, Sassenberg oder nach Greffen zum Unterricht gehen. In Gröblingen gab es direkt an der Gröblinger Kapelle eine eigene Schule, deren Geschichte bis in das Jahr 1782 zurück geht. Sie wurde 1968 geschossen und vom Caritas Verband übernommen, der darin eine Tagesstätte für behinderte Kinder einrichtete.

Auch in der Bauernschaft Vohren gab es eine eigene Schule, die erstmals 1792 erwähnt wurde. Diese Schule wurde 1969 geschlossen. Das Gebäude diente danach verschiedenen Zwecken. Einige Jahre war dort der Sitz der Firma Lederwaren „Kavalkade“. Heute ist da ein Frauenhaus eingerichtet. An der Straße zwischen Warendorf und Milte etwa auf der Mitte der Strecke befand sich die Schule in Velsen. Der in den Jahren 1897/1898 errichtete Bau diente bis zum Jahr 1968 schulischen Zwecken. Die an der Kreisstraße nach Everswsinkel gelegene Heinrich Tellen Schule, die seit 1983 dort ihren Standort hat benutzt auch heute noch ein in den Jahren 1912/1913 errichtetes Gebäude der Volksschule in Neuwarendorf, das natürlich entsprechend dem heutigen Bedarf erweitert wurde.

Trotz der in den Bauernschaften meistens nur zwei- oder höchstens dreiklassig geführten Schulen waren die Wege der Kinder von den einzelnen Gehöften bis zu Schule oft lang und unwegsam. Asphaltierte Wirtschaftswege kannte man zu der Zeit noch nicht. Es gab nur von Pferden und Karren zerfahrene Sandwege.

So ging man zur Schule: „i-Männchen" Kurt Heinermann mit Schreibtafel in seiner Bank sitzend. Er besuchte die Volkshochschule an der Klosterstraße.

Aber ich war ja noch auf dem Weg zur Schmiedestraße. Natürlich wurde ich bei den Freunden meiner Eltern aufgenommen. Aber ein Problem musste noch gelöst werden. Wie bekommen meine Eltern eine Nachricht wo ich jetzt bin? Auch dafür gab es eine Lösung. Im Haus Düsternstraße Nr. 63 (jetzt Diekers Deele) war eine Filiale vom Lebensmittelgeschäft Baggeroer an der Dreibrückenstraße, die damals noch Osnabrücker Straße hieß. Das Geschäft Baggeroer hatte einen der ganz wenigen Telefonanschlüsse, die am Emstor vorhanden waren. Das Telefon funktionierte noch, und nachdem dann noch jemand von der Dreibrückenstraße zur Holtrupstraße gelaufen war, konnte in Ruhe der nächste Tag abgewartet werden. Mit einem provisorischen Holzsteg wurde die Lücke für Fußgänger am nächsten Tag wieder geschlossen. So lernten wir damals schon in jungen Jahren mit schwierigen Situationen fertig zu werden und eigene Entscheidungen zu treffen.

Trotz der oft langen Wege durch Kälte, Regen, Schnee oder auch sommerliche Hitze waren wir alle pünktlich in der Schule oder auch wenn wir morgens Unterricht hatten in der Kirche. Es war so eine Art freiwilliger Zwang, vor dem Schulbeginn war um 7:15 Uhr Schulmesse und es wurde genau von den Lehrern oder den Lehrerinnen aufgepasst wer bei der Schulmesse nicht zugegen war. Es war die Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit von der ich erzähle. Im Herbst 1944 wurde ich eingeschult. Zunächst besuchte ich die sogenannte Klosterschule, also die Schule an der Klosterstraße. Diese Schule wurde 1906/1907 als Mädchenschule der Alten Pfarre errichtet, wobei die Knabenschule der Laurentiuspfarre zu der Zeit in einem Gebäude am Marienkirchplatz war. Nun zurück zum Herbst 1944. Meine erste Schulzeit war schon bald wieder zu Ende. Mit dem Einmarsch der Amerikaner Ostern 1945 wurden alle Schulen geschlossen und Warendorf wurde britische Besatzungszone.

Am 13. August 1945 wurden die Volksschulen in Warendorf durch den englischen Stadtkommandanten Major Alec Parkin wieder eröffnet und der Unterricht für die Volksschulen wieder aufgenommen, und zwar für alle Schulen zusammen in drei Schichten in der Dammschule. Die Dammschule war zu dieser Zeit die größte Volksschule in Warendorf. Sie wurde in den Jahren 1933/35 am ehemaligem Eisenbahndamm errichtet, der in der NS Zeit zum Adolf-Hitler-Damm, heute August-Wessing-Damm ausgebaut wurde. Die übrigen Schulen konnten erst später wieder genutzt werden. Die Schulgebäude waren hier zwar nicht zerstört, aber von den Briten teilweise für andere Zwecke beschlagnahmt. So kam es, dass wir zunächst manchmal vormittags, manchmal nachmittags Unterricht hatten und manchmal auch nur jeden zweiten Tag. Neben dem Mangel an Schulen und Klassenzimmern bestand noch ein erheblicher Mangel an Lehrkräften. Viele junge Lehrer waren im Krieg gefallen oder noch in der Kriegsgefangenschaft. Die vorhandenen Lehrer und Lehrerinnen wurden zunächst einer politischen Prüfung unterzogen, um das Schulwesen zu „entnazifizieren“.

Auf der anderen Seite war die Anzahl der zu unterrichteten Kinder stark angestiegen, denn schon während des Krieges waren Tausende von Evakuierten mit teilweise schulpflichtigen Kinder aus den Städten des Ruhrgebietes und aus Münster nach Warendorf gekommen. Dazu kamen nach 1945 die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen aus den Ostgebieten.

Die Verwaltung des Mangels an geeigneten Schulräumen brachte es mit sich, dass ich neben der schon erwähnten Klosterschule und Dammschule auch im Pferdestall und später auch in der Josefsschule am Emstor unterrichtet worden bin.

Warum wir Pferdestall sagten, wusste ich damals noch nicht. Erst sehr viel später habe ich erfahren, dass das was wir Pferdestall nannten, das ehemalige preußische Landgestüt war. Nachdem das Landgestüt 1886 zum Emstor umsiedelte, hat man die Pferdeställe am Münsterwall aufgestockt und unten zu Schulklassen umgebaut und oben Lehrerwohnungen eingerichtet. Daher für uns Kinder der Name Pferdestall.

Neben den fehlenden Lehrern und Lehrerinnen und Klassenzimmern, das zu Schulklassen mit manchmal über 60 Kindern führte, kam noch ein erheblicher Mangel an Lehrmitteln und Schreibutensilien. Das Wichtigste in der Schultasche, die wir damals Tornister nannten, war eine Schiefertafel. Diese Tafel hatte auf der einen Seite Linien und auf der anderen Seite ein Karomuster, beides in roter Farbe aufgetragen. Dazu gehörte ein Griffelkasten mit einem Schiefergriffel, ein angefeuchteter Gummischwamm in einer Dose und ein an der Tafel mit einem gehäkeltem Band befestigter gehäkelter Tafellappen, der aus dem Tornister baumelte. Mit den beider letzten Utensilien konnte man das auf der Tafel Geschriebene wieder auswischen und danach die Tafel wieder trocknen. Erst nach und nach bekam man diese Probleme in den Griff. Am Emstor wurde die Josefsschule gebaut. Der Neubau an der Kapellenstraße nahm 1951 in 7 Klassen 321 Kinder auf. 1953/54 entstand die Ludgerieschule an der Dr. Leve-Straße, so dass bald wieder genügend Klassenräume zu Verfügung standen. Neue Lehrer und Lehrerinnen wurden ausgebildet, andere Lehrer kamen aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Auch aus unseren Tornistern verschwanden bald Tafel, Griffel und Griffelkasten und wurden ersetzt durch Schreib- und Rechenhefte und durch Federhalter mit auswechselbaren Federn. Diese Federn wurden in mitgebrachte Tintentöpfchen getaucht und schon konnte man mehr oder weniger geschickt seine Zahlen und Gedanken auf's Papier bringen und zu den schon vorhandenen Tintenflecken auf den Schulbänken noch einige hinzufügen.

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