News

CMS - 1.11.9 - Bartolome
 

Die Bauten rechts und links des Warendorfer Emsstauwerks

Aus Ströker: Geschichte(n) aus Warendorf

Das linke Bild wurde vor genau 50 Jahren gemacht, nämlich im Jahr 1959. Es zeigt die Ems im Stadtgebiet von Warendorf. Die Emsbrücke ist links von Bäumen verdeckt. Weiter fließt die Ems am Mühlenhof vorbei bis zu den Schütten und da steht rechts, also auf der Nordseite, das Elektrizitätswerk und links die fünf Stockwerk hohe Emsmühle. Mit der Mühle werden wir uns später noch beschäftigen. Das Elektrizitätswerk und das dazu gehörige Meisterhaus direkt an der Straße „Zwischen den Emsbrücken“ sind zu der Zeit etwa 36 Jahre alt. Denn Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts etwa zwischen den Jahren 1905/06 und 1920 kam das Licht nach Warendorf. Nein, nicht die Sonne. Die Sonne hat den Warendorfern schon immer geschienen. Es kam ein neues, ein künstliches Licht, das elektrisches Licht nach Warendorf. Nach dem der Herr Edison in den 80er Jahren des neunzehnten Jahrhunderts im fernen Amerika die Glühfadenlampe (Glühlampe) erfunden hatte und nun auch in den Jahren 1905/06 der erste Strom in Warendorf erzeugt wurde, stand der Einführung des neuen Lichtes nichts mehr im Wege.

Das Warendorfer Emskraftwerk im Bau, 1923.

So etwas hatten die meisten Warendorfer noch nicht gesehen. Eine halbe Drehung am schwarzen Lichtschalter nach rechts, das Licht leuchtete und eine halbe Drehung weiter und das Licht war wieder verschwunden. Aber nicht nur die einfache Handhabung, sondern vor allem die erzeugte Lichtfülle setzte alle in Erstaunen, wobei wir nicht von der Beleuchtung der Räume unserer Tage ausgehen können. Eine Birne mit einer Leistung von 40 Watt für einen mittelgroßen Raum war schon das Maß aller Dinge. Natürlich kannte man vor diesem Zeitpunkt auch schon künstliches Licht in Warendorf, es gab Kerzen, Öllampen, Petroleumlampen oder in neuerer Zeit auch Gaslichter, die man auch schon als Straßenbeleuchtung eingesetzt hatten. Aber nichts war so einfach zu Hand haben, so effektiv, ohne Vorratshaltung und relativ sicher, da es keine offene Flamme hatte. Es sei denn, man hatte die Sicherung manipuliert, aber davon später.

Mit einem kleinen Kohlekraftwerk versorgte der Gastwirt und Hotelier Aloys Heimann zunächst von der Oststraße aus, später vom Wilhelmsplatz die Stadt Warendorf mit elektrischem Strom. Da die Verbraucher für die damalige Zeit angesichts der mangelhaften Anlagen des kleinen Privatunternehmens verhältnismäßig hohe Strom- preise zahlen mussten entschloss sich die Stadt Warendorf an der Ems ein eigenes Wasserkraftwerk zu bauen.

Natürlich war es mit der Erzeugung vom Strom allein noch nicht getan, es mussten hunderte von Masten aufgestellt werden, die mit den charakteristischen weißen Isolatoren versehen waren, an denen die Stromzuleitungen zu den einzelnen Häusern befestigt wurden, hier wurden mit weiteren Isolatoren auf dem Dach an einer Eisenstange oder direkt an der Giebelwand die Leitungen mit den einzelnen Häusern verbunden. Neue Häuser wurden gleich mit einer Elektroinstallation versehen, aber in alle alten Häuser mussten nachträglich alle erforderlichen Elektroleitungen verlegt werden, „auf Putz“ versteht sich. Dazu kamen natürlich noch die Verbrauchszähler und die Sicherungen. In den Jahren 1922 und 1923 wurde nun auf dem Gelände der alten städtischen Öl- und Walkmühle, also an der Nordseite der Ems, ein Elektrizitätswerk errichtet. Zu der Zeit war diese Mühle allerdings schon abgerissen und durch ein Waschhaus mit Trockenhalle der Familie Roleff ersetzt worden. Vom Waschhaus führten Holztreppen in die Ems, auf deren Stufen die warendorfer Hausfrauen kniend ihre Wäsche im Emswasser auswuschen. Der Transport der Wäsche zur Ems und wieder zurück geschah in Zinkwannen, die auf Schubkarren transportiert wurden. Das die, an dieser Stelle errichtete, für die damalige Zeit großartige „high-tech“ Anlage keine 50 Jahre alt werden sollte, konnte damals keiner wissen.

Es kam in diesen Jahren zu einem Vertrag mit der Elektrizitätswerk Westfalen AG in Bochum. In diesem Vertrag wurde vereinbart, dass von der EWA Strom geliefert wurde, wenn der im Emskraftwerk erzeugte Strom für die Versorgung der Stadt nicht ausreichte und überschüssiger Strom in das Netz der EWA eingeleitet werden konnte.

Nachdem nun die Stromversorgung gesichert war, beschäftigen wir uns nun damit, wofür die neues Energie denn gebraucht wurde.

Zunächst wie schon beschrieben zur Beleuchtung von Wohnungen, Stallungen und natürlich auch für Werkstätten und andere gewerbliche Betriebe. Findige Kaufleute machten sich den christlichen Glauben zu Nutze und übertrugen das „ewige Licht", das in den Kirchen vorhanden war in die Bürgerhäuser. Fast in jedem Haus wurde in der Küche oder im Flur ein Bild von Christus mit einem auf der Brust aufgemaltem Herz, oder ein entsprechendes Bild von der Gottesmutter Maria, aufgehängt. Davor wurde eine rot eingefärbte Birne, die oft mit einem eingeschliffenem oder aufgemaltem Kreuz versehen war, installiert. Diese Birne brannte morgens, mittags, abends und auch nachts, eben ein „ewiges Licht". Ansonsten ging man recht sparsam mit dem teuren Strom um. Nach dem Abendessen sagte der Hausherr. „Mak dat Licht ut un de Klappe von de Maschine up, dann is et mit dat ewige Licht tosammen hell noch." „De Maschine“ war der mit Kohlen befeuerte Küchenherd.

Das Warendorfer Emskraftwerk nach der Fertigstellung. Die Brücke links führte über den "Gelben Kolk".

Da man alle die heute vermeintlich unverzichtbaren Geräte, wie Kühlschränke, Staubsauger, elektrische Waschmaschinen, Trockner, Mixer, Fernseher, Radios, Kaffeemaschinen, Toaster, Computer, Spülmaschinen, Elektroherde, DVD Player, elektrische Heimwerker-Maschinen und vielen andere mehr noch gar nicht kannte wurden relativ wenige Steckdosen in den Häusern eingebaut. Das galt vor allen Dingen für die Häuser in denen nachträglich Stromleitungen installiert wurden. Die meisten Leitungen gingen also vom Sicherungskasten zu den Lampen und zu den An- und Ausschaltern. Wobei die Sicherungen auch ein dauerndes Ärgernis waren. Sicherungsautomaten kannte man noch nicht, die Sicherungen bestanden aus einem Porzellankörper durch dessen Mitte ein dünner Metallfaden verlief. Entstand nun eine Überspannung (zum Beispiel durch ein Blitzeinschlag irgendwo) brannte dieser Faden durch und man stand im Dunkeln. Ärgerlich und teuer. Neue Sicherungen kosteten Geld. Also wurde mit einem starken Draht die Sicherung überbrückt. Das war natürlich verboten und auch wegen der Brandgefahr sehr risikoreich, aber man hatte ja das „ewige Licht" mit dem „Herz-Jesu-Bild", da sollte schon nichts passieren. Das erste technische Gerät welches bei uns zu Haus mit Strom betrieben wurde, war nach meiner Erinnerung ein Bügeleisen, das ein altes Bügeleisen ersetzte, dessen austauschbarer innerer Kern auf der bereits erwähnten Maschine, als auf dem auch im Sommer mit Kohlen beheizten Küchenherd, erhitzt wurde. Der Anschluss des neuen Bügeleisens an den Stromkreis, wurde dadurch hergestellt, dass in die Küchenlampe zwischen der Birne und der Fassung eine zweite Fassung mit zwei integrierten Steckdosen geschraubt wurde. Hier konnte dann der Stecker des Bügeleisens angeschlossen werden. Wenn meine Mutter bügelte und gleichzeitig auch das Licht der Küchenlampe brannte, gab es natürlich die „schönsten“ Lichtspiele und in einem Buch oder in der Zeitung zu lesen wurde dabei schon zu einem Kunststück.

Späte Ansicht des Emskraftwerks. Die Kottrupsche Mühle ist auf fünf Stockwerke erhöht und der Gelbe Kolk bereits verschwunden.

Einmal im Monat, oder war es einmal in einem Vierteljahr, so genau weiß ich es nicht mehr, besuchte uns, wenn ich mich recht erinnere, ein wohlbeleibter Mann mit einem großen, dicken Buch unter dem Arm und einer Ledertasche in der Hand. Das war der Stromableser. Der Mann begab sich also zum Verbrauchszähler, kritzelte dann etwas in sein Buch und begab sich dann zu unserem Küchentisch. Hier schrieb er dann noch mehr Zahlen in sein Buch und rechnete dann, natürlich ohne Taschenrechner, unseren Verbrauch aus. Meine Mutter stand dann mit dem Haushaltsportmonee in der Hand daneben und bezahlte die errechnete Summe dann in bar. Wenn der Ableser dann zum Nachbarn unterwegs war, kam unweigerlich die Mahnung, doch in diesem Monat nicht soviel Strom zu verbrauchen.

Doch der Verbrauch an elektrischem Strom stieg unaufhörlich an. Vor allen Dingen nach dem zweiten Weltkrieg. Es wurden nach und nach immer mehr elektrisch angetriebenen Geräte entwickelt, gebaut und eingesetzt. Da die Stromleitungen aber in den Kriegs- und Nachkriegsjahren nicht ausgebaut und auch nicht gepflegt worden waren, kam es immer wieder zu plötzlich auftretenden Stromausfällen. So will ich nun die Geschichte mit dem Staubsauger erzählen, die sich in den Jahren 1950 oder 1951 bei uns zugetragen hat. Zu der Zeit waren viele Vertreter unterwegs, die von Haus zu Haus gingen und die neuesten „Errungenschaften“ der Nachkriegszeit an den Mann oder besser gesagt an die Hausfrau bringen wollten. So hatte auch ein Staubsaugervertreter bei meinen Eltern einen Termin zur Vorführung vereinbart. Das technische Wunderding wurde also ausgepackt, das Aussehen gepriesen und die Vorzüge wurden ausführlich erklärt. Nun sollte es vorgeführt werden. Was gebraucht man dafür? Natürlich Dreck! Nichts leichter als das, der Herr Vertreter nahm den Aschekasten aus dem mit Kohlen befeuerten Herd. Der Inhalt wurde mit großem Schwung auf dem Fußboden verstreut. Alle, auch Oma und Opa, warteten gespannt auf das was jetzt passieren sollte. Aber es passierte – nichts. Denn in dem Moment als der Staubsauger anlaufen sollte, viel, wie so oft in der Zeit, der Strom aus. Nun viel nicht nur der Strom sondern auch die Vorführung des Staubsaugers aus. Der gute Mann musste sich nun eines Handfegers und einer Dreckschüppe bedienen, um die von ihm veranstaltete Sauerei wieder zu entfernen und der Staubsauger wurde natürlich auch nicht gekauft.

Nun kehren wir aber zurück zu unserem Elektrizitätswerk. Die gesamte Anlage wurden in den Jahren 1970 und 1971 im Auftrage der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen) demontiert und abgerissen. Das städtische Elektrizitätswerk war nämlich wie auch andere kommunale und private Stromerzeuger inzwischen in die VEW AG, die es heute auch schon nicht mehr gib, zusammengefasst worden. Vor dem Abriss hatte die VEW die Stromerzeugung mit dem Hinweis auf den technischen Fortschritt in der Erzeugung von Strom in größeren Kraftwerkseinheiten und aus Rentabilitätsgründen im Emskraftwerk aufgegeben.

Nachdem nun der Platz an der Ems frei geworden war, konnte die Stadt Warendorf nun das HOT errichten.

Gehen wir nun zur anderen Seite der Ems. Hier an der Südseite der Ems steht 1959 das nicht gerade ansehnliche fünf Stockwerk hohe Mühlengebäude mit einem Flachdach. Der damalige Mühlenbesitzer Hermann Kottrup ließ 1948 das bis dahin bestehende dreieinhalb Stockwerke hohe und mit einem Satteldach versehende Gebäude bis auf diese Höhe ausbauen.

1906 hatte der Mühlenpächter Christoph Kottrup die Mühle von der Stadt Warendorf gekauft, die er seit 1890 von der Stadt gepachtet hatte. Er ließ das ebenerdige Gebäude bis auf der jetzt bekannten Höhe aufstocken und mit einem Aufzug versehen.

Nachdem nun der Mühlenbetrieb eingestellt worden war und die fünf Stockwerke nicht mehr benötigt wurden, hat man die Mühle wieder auf die Höhe von 1907 abgebaut. Das Gebäude wurde renoviert und umgebaut und wird jetzt als Speiserestaurant „Kottrup`s Mühle“(daher der Name) genutzt. Alle Nebengebäude wie Büros und Lagerräume wurden abgerissen. Auf den frei gewordenen Grundstücken wurden Wohnhäuser errichtet.

Das ist die Geschichte der Bauten rechts und links des Emsstauwerkes im Stadtgebiet von Warendorf in den letzten rund 100 Jahren.

Vorhergehende Seite: Die Schulstadt  Nächste Seite: Zur Geschichte des Warendorfer Krankenhauses