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Forscher-Werkstatt

Volkshochschule Warendorf
in Kooperation mit dem Arbeitskreis „Jüdisches Leben in Warendorf“ der Altstadtfreunde Warendorf und der Stolperstein-Initiative Warendorf

Forscher-Werkstatt

Die vergessenen Opfer in Warendorf: Der Mord an psychisch Kranken und geistig Behinderten
im Nationalsozialismus

 Leitung: Matthias M. Ester M.A. (Geschichts-Kontor Münster)

Die VHS Warendorf schlägt aktiv ein neues Kapitel der Erinnerungskultur in Warendorf auf: Eine Forscher-Werkstatt recherchiert die Schicksale von ca. 15 Warendorfer*innen, die im Nationalsozialismus Opfer der „Euthanasie“ geworden sind. Die staatlich gesteuerte und planvolle Ermordung „lebensunwerter“ Kinder, Frauen und Männer war zentraler Bestandteil der Ideologie und der Politik der Nationalsozialisten. Die als „minderwertig“ erachteten und als „Ballastexistenzen“ herabgesetzten Patient*innen hatten keinen Platz in der „Volksgemeinschaft“ und fielen der „Ausmerze“ anheim.


Die Wege dieser Menschen führten 1940/41 im Rahmen der „Euthanasie-Aktion T4“ von den psychiatrischen Pflege- und Heilanstalten in sechs spezielle Tötungsanstalten, die das Morden mittels Gas entwickelten. Der öffentliche Protest gegen die „Aktion T4“ und der von Hitler angewiesene Abbruch im August 1941 beendete das „Euthanasie“-Morden nicht, vielmehr ging die Vernichtung weitgehend unauffällig und im Geheimen bis zum Kriegsende weiter. Die Tötungen erfolgten nun durch „Hungersterben“, durch Nahrungsentzug, Mangelversorgung und gezielte Fehlmedikation. Schätzungsweise 210.000 Kranke und Behinderte fielen den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen zum Opfer.


Der Anfang der „Euthanasie“-Aktion T4 stand zudem in unmittelbarer Verbindung mit dem Menschheitsverbrechen der Shoah. Jüdische Patient*innen waren doppelt gefährdet: im biologistisch-eugenischen Kontext als psychisch Kranke und geistig Behinderte und im rassistischen Kontext als „Nichtarier“, als Juden. Jüdische Anstaltspatient*innen waren in der „Erprobungsphase“ des Gasmordes in den Tötungsanstalten (Januar 1940 – August 1941) die ersten „Euthanasie“-Opfer - und somit auch die ersten Opfer des industriellen Massenmordes an den europäischen Juden und Jüdinnen. Die Technik des Gasmordes wanderte dann von den sechs T4-Tötungsanstalten in die Vernichtungslager im besetzten Polen, zuerst nach Belzec, Sobibor und Treblinka, später dann, ab Mitte 1942, nach Auschwitz-Birkenau.


Die Forscher-Werkstatt recherchiert die Biografien und Schicksalswege der Warendorfer
„Euthanasie“-Opfer, fragt nach den Tätern, ihren Professionen und Institutionen, und sucht
nach Spuren des Protests und Widerstands gegen die „Euthanasie“-Politik in der Region. Der
Blick weitet sich von der Ereignisgeschichte vor 1945 auf die Gedenkkultur nach 1945: Was
erinnert im öffentlichen Raum an diese vergessenen Opfer des Nationalsozialismus, in ihrer
Heimat, in den psychiatrischen Anstalten und in den Tötungsanstalten? Wer initiierte die
lokalen und regionalen Erinnerungskulturen? Wie sieht die Zukunft des Erinnerns und
Gedenkens aus?

Die Teilnehmer*innen können selbstständig Recherchen vornehmen und werden dabei von

der Forscher-Werkstatt mit Rat und Tat begleitet. Einschlägige Archive werden aufgesucht

und lokale und regionale Experten berichten von ihren Forschungs-Erfahrungen. Am Anfang
steht eine Exkursion zum LWL-Klinikum Gütersloh, um die Wanderausstellung „erfasst,
verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“ zu besuchen
und die Gedenkstätte für die „Euthanasie“-Opfer zu erkunden. Den Schlusspunkt setzt die
Autorin Sigrid Falkenstein (Berlin) mit Lesungen aus ihrem Buch „Annas Spuren. Ein Opfer
der NS-‚Euthanasie‘“ in der Volkshochschule und einer Schule. Die Ergebnisse der
Recherchen werden dokumentiert und fließen ein in die Erinnerungsinitiativen vor Ort, z.B.
bei zukünftigen Stolperstein-Verlegungen.


Ein Warendorfer Schicksal:
Juliane Samuel, eine jüdische Anstaltspatientin
1923 geboren, 1938 in die Heilanstalt Gütersloh eingewiesen, "verlegt" am
21.9.1940 in die Sammelanstalt Wunstorf bei Hannover, deportiert am
27.9.1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg an der Havel, ermordet am
27.9.1940 in der „Erprobungsphase“ der "Aktion T4" im Alter von 17 Jahren;


2015 Verlegung eines Stolpersteins im Gedenken an Juliane Samuel in
Warendorf, Gerichtsfuhlke 8


Matthias M. Ester M.A. | Geschichts-Kontor Münster
02 51 - 79 96 86 | matthias.m.ester@t-online.de