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Zur Geschichte des Warendorfer Krankenhauses

Das ehemalige Josephs-Krankenhaus im Jahre 1959. Der Bau beherrscht die Südseite der Lüninger Straße (rechts), die Ostseite der Krückemühle (im Vordergrund) bis zur Fleischhauerstraße. Darüber sieht man den 1955 eingeweihten Südflügel, in dem nach dem Abriss des übrigen Krankenhauses die Stadtverwaltung ihr Domizil hatte. Heute ist von all den Gebäuden nichts mehr zu sehen

 

Auch dieses Bild ist 1959 gemacht worden, also genau vor 50 Jahren. Es zeigt in der Bildmitte das damalige Josephs-Krankenhaus. Der Bau beherrscht die Südseite der Lüninger Straße, die Ostseite der Krückemühle bis zur Fleischhauer Straße. Darüber sieht man den 1955 eingeweihten Südflügel, in dem nach dem Abriss des übrigen Krankenhauses die Stadtverwaltung ihr Domizil hatte. Da von alle den Gebäuden nichts mehr vorhanden ist, und jetzt dort eine völlig neu Bebauung entstanden ist, ist es sicher interessant sich einige Gedanken über die Geschichte des Krankenhauses zu machen. Man mag es sich gar nicht vorstellen. Aber wir sollten es doch einmal versuchen. Folgende Situation: Sie sind krank, schwer krank. Es plagt sie hohes Fieber, sie haben starke Schmerzen und das Gefühl sterben zu müssen. Kein Mensch weiß woran sie erkrankt sind. Was heißt kein Mensch? Es sind ja nur die nächsten Angehörigen da, und die haben auch keine Ahnung was ihnen fehlt. Vielleicht gießen sie ihnen einen Kamillentee auf, der ja bei vielen Krankheiten helfen soll. Einen Arzt können sie sich nicht leisten, da sie kein Geld dafür haben und die Krankenkassen sind noch gar nicht erfunden. So liegen sie ohne professionelle Hilfe, vielleicht nur auf einem Strohsack mit einer Decke in einem eiskalten nicht geheiztem Zimmer, da es auch kein Krankenhaus gibt.

Sie meinen, das ist lange her, tiefes Mittelalter oder graue Vorzeit. Nein, das sind gerade mal rund 160 Jahre her oder vier bis fünf Generationen.

In Warendorf änderte sich das am 16. November 1843. An diesem Tag wurde die neu gebaute „Krankenanstalt“ an der Lüningerstraße in Betrieb genommen. Diese „Krankenanstalt“ hatte der hochherzige Warendorfer Tuchhändler Franz Joseph Zumloh „zum Wohle seiner armen Mitmenschen und zur Linderung ihrer Leiden“ gestiftet und mit einem stattlichen Kapital von 53.000,-- Talern ausgestattet. Im Josephs- Krankenhaus konnte jeder Kranke, egal welcher Konfession, gepflegt werden. Arme aus Warendorf wurden unentgeltlich versorgt. Ansonsten richtete sich die Bezahlung nach den sozialen Verhältnissen des Kranken. Nachdem 1883 die gesetzliche Krankenversicherung eingeführt wurde, konnte die Bezahlung nach und nach über die Krankenkassen abgerechnet werden. Das Haus hatte zwei Stockwerke, das obere war für die Frauen, das untere für die Männer bestimmt. In vier großen Zimmern bot es Platz für 30 Kranke. Zu dem gab es ein Zimmer für den Arzt, einige Zimmer für die Krankenschwestern, ein Badezimmer, zwei Räume für Wäsche und Kleider, eine Waschküche und eine große Küche.

Die ärztliche Betreuung oblag dem Hospitalarzt und Kreisphysikus Dr. Gustav Adolph Fischer. Für die pflegerische Betreuung konnten Schwestern von der Genossenschaft der „Barmherzigen Schwestern“ (Clemensschwestern) gewonnen werden. Zunächst übernahmen zwei von ihnen die Pflege, aber schon 1844 kamen weitere Schwestern nach Warendorf, da zwei Schwestern die steigende Patientenzahl nicht mehr versorgen konnte. Zu den Aufgaben der Schwestern gehörte neben der Krankenpflege, das Kochen, die Gartenarbeit, das Waschen und Nähen von Kleidung und Bettwäsche und das Putzen des Hauses. Alle diese Aufgaben verrichteten die Ordensschwestern für Kost und Logis (Essen, Trinken und ein Bett zum Schlafen) und „Gottes Lohn.“

Wie schwierig und arbeitsintensiv diese Aufgaben waren, wird uns erst dann klar, wenn wir darüber nachdenken, was es denn zu dieser Zeit noch nicht gab.

Es gab noch keinen elektrischen Strom, das heißt, keine elektrisch betriebenen Glühbirnen mit hellem Licht, keine Waschmaschinen, Elektroherde, Staubsauger, Kühlschränke und andere Geräte, die mit Strom betrieben werden. Natürlich auch nicht, die jetzt bei jedem Patienten am Krankenbett angebrachte Klingel. In den dunkelen Jahreszeiten mussten die Kranken ihr Frühstück und das Abendbrot bei Kerzenschein oder beim Licht der Öllampen zu sich nehmen, was natürlich im Krankenhaus nicht unbedingt romantisch sein musste und das Abendessen nicht zu einem Candlelight Dinner machte. Es gab kein fließendes kaltes und schon gar nicht warmes Wasser aus dem Kran. Alles Wasser, das benötigt wurde, musste mit einer Pumpe mühsam aus der Erde geholt werden. Da es zu der Zeit auch noch keine Kanalisation gab, wurde das Abwasser in die Straßengosse abgeleitet. Meines Wissen war auch damals eine Zentralheizung noch weitgehend unbekannt, so das im Winter auch in allen Zimmern Öfen geheizt werden mussten.

Schon nach einigen Jahren erwies sich das Krankenhaus als zu klein. Es wurde 1845 östlich bis zur Krückemühle erweitert. Die Mittel dazu wurden wiederum vom Stifter aufgebracht. In den Jahren 1890, 1902 und 1938 wurden weitere Vergrößerungen des Krankenhauses durchgeführt. Ein ganz neuer Flügel quer durch den ganzen Krankenhausgarten wurde in den Jahren 1953/54 erstellt. An der Errichtung dieses Bauwerkes, dass später für viele Jahre als Stadtverwaltung genutzt wurde, habe ich noch persönliche Erinnerungen. 1953 waren wir aus der Volksschule (so hieß das damals) entlassen worden. Während ich nur die Schulbank gewechselt hatte und nun in Münster zur Schule ging, hatte mein Schulfreund Paul eine Lehre bei einem Bauunternehmer angetreten. Dieser Unternehmer war beim Neubau des Gebäudes beteiligt und mein Freund Paul war Herr über die Bedienungselemente eines für damalige Begriffe riesigen technischen Gerätes, eines Aufzuges, der das benötigte Baumaterial in die verschiedenen Etagen beförderte. Ich habe ihn damals sehr bewundert und beneidet. Eine letzte Erweiterung musste 1959 durchgeführt werden, als das Kreiskrankenhaus aufgelöst wurde, das in der Kaserne an der Dr.-Rau-Allee untergebracht war. Die Kaserne wurde nun vom Bundesverteidigungsministerium benötigt.

Natürlich sind nicht nur die baulichen Erweiterungen und Veränderungen wichtig. Es wurden gewaltige personelle Erweiterungen und technische Veränderungen nötig und durchgeführt. Es wurden viele neue Ärzte, natürlich auch Spezialisten der verschiedenen Fachrichtungen benötigt. Selbstverständlich musste auch die Anzahl der Pflegekräfte den neuen Erfordernissen angepasst werden. Das geschah dadurch, das weitere Clemensschwestern nach Warendorf kamen, die verstärkt durch „weltliche Krankenschwestern“ die Pflege der Kranken sicher stellten. Die Schwestern in ihrer Tracht mit den strengen Hauben waren ein vertrautes Bild auf den Warendorfer Straßen, da sie nicht nur im Krankenhaus tätig waren, sondern auch in Kindergärten, im Altenheim, im Sophienheim und im Idahaus ihren Dienst versahen. Ebenso gehörten auch die braunen Kutten der Franziskaner Patres zum gewohnten Straßenbild.

In den alten Chroniken kann man lesen, dass man am Eröffnungstage des Krankenhauses die wenigen zur Verfügung stehenden medizinischen Geräte in einem Beutel unterbringen konnte. 1845, zwei Jahre später habe man 15,5 Thaler, 1847 = 19,12 und 1848 = 43,20 Thaler für die Beschaffung neuer chirurgischer Instrumente ausgegeben. Das Krankenhaus von damals hat in den rund 160 Jahren des Bestehens bis zum heutigen komplizierten hochtechnisierten Gesundheitszentrum eine gewaltige Entwicklung durchlaufen.

Durch die innerstädtische Lage und die dadurch bedingten beengten Platzverhältnisse, war eine notwendige nochmalige Vergrößerung des Hauses für weitere Operations- und Ambulanzräume kaum mehr möglich und hätte auch den gesetzlichen Vorschriften nicht mehr entsprochen.

Der 1. Juni 1962 brachte die Geburtsstunde des neuen Krankenhauses, denn an diesem Tage beschloss das Kuratorium von dem weiteren Ausbau des Josephs-Hospitals Abstand zu nehmen und einen Neubau auf dem Gelände des Josephs-Hofes zu errichten.

Im Jahre 1926 hatte das Josephs-Hospital im Norden der Stadt an der Sassenberger Straße eine landwirtschaftliche Besitzung in der Größe von 17 Morgen erworben und diese im laufe der Jahrzehnte durch Zukauf auf etwa 50 Morgen vergrößert. Auf ihm war zur Selbstversorgung des Krankenhauses ein Bauernhof, der so genannte Josephs-Hof angelegt worden, der sich vor allem in der Kriegs- und Nachkriegszeit als sehr nützlich erwiesen hatte, da er das Josephs-Hospital mit Milch, Gemüse, Kartoffeln und Obst versorgen konnte.

Diese Nützlichkeit habe ich am eigenen Leibe erfahren. Es muss in den Jahren 1946 oder 1947 gewesen sein. Ich war also zu der Zeit acht oder neun Jahre, da befiel mich ein seltsame Krankheit. Ich mochte überhaupt keine Nahrung zu mir nehmen und wurde jeden Tag schwächer. Meine Eltern gingen mit mir zu mehreren Ärzten (was gar nicht so einfach war, denn es gab zu der Zeit nicht viele) das Problem wurde auch erkannt. Ich hatte Wurmbefall im Darm, gegen den es in der Nachkriegszeit kein wirksames Medikament gab. Ich musste schließlich ein scheußlich schmeckendes Pulver einnehmen, das in Rübenkraut eingerührt wurde, damit man es überhaupt zu sich nehmen konnte. Es hat aber nicht geholfen, aber eine Wirkung hat es doch gehabt, denn ich mag bis heute kein Rübenkraut mehr. Aber geholfen hat doch etwas, welcher Arzt darauf gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Man hat mich ein paar Tage ins Krankenhaus (sprich: Josephs-Hospital) gesteckt. Ich bekam jeden Tag Einläufe, damit hat man den Darm vom Wurmbefall befreit. Die Schwester Oberin fragte morgens: „Junge, magst du Schmand, den haben wir gerade frisch vom Josephs-Hof bekommen?“ Ich mochte, und von da auf ging`s wieder bergauf.

Nach diesem kleinen Ausflug in die privaten Erinnerungen, jetzt wieder zum Josephs-Hospital. Die Fläche von rd. 45.000 qm des Josephs-Hofes an der verlängerten Kapellenstraße war nun ein idealer Platz für den Neubau des Krankenhauses. Die Vorarbeiten zur Erteilung der Baugenehmigung nahmen fast drei Jahre in Anspruch. Das gesamte Neubauprojekt umfasste das Krankenhaus mit 337 Betten, dem Verkehrszentrum und dem Behandlungstrakt, die Kapelle, das Heim für die Ordensschwestern, das Heim für die weltlichen Schwestern und das Haus für männliche Angestellte. Die Gesamtkosten beliefen sich nach dem Finanzierungsplan auf 19,6 Millionen DM. Ende April 1965 konnte mit den Ausschachtungsarbeiten begonnen werden. Am 15. Mai 1966 fand die feierliche Grundsteinlegung statt. Trotz einiger unvorhergesehenen Verzögerungen schritten die Bauarbeiten so zügig voran, dass am Tage des 125jährigen Jubiläums des Josephs-Hospitals, am 16. November 1968, die feierliche Einweihung des neuen Krankenhauses erfolgen konnte.

Sicher gab es seit der Eröffnung des neuen Krankenhaus bis heute viele Neuerungen, Erneuerungen, Umbauten, neue Organisationen und vieles andere mehr, auf das ich aber aus Mangel an Sachkenntnis nicht eingehen kann.

aus Ströker: Geschichte(n) aus Warendorf